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Jun 29
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Buddhismus und Ökologie: Die Umwelt als Lehrerin

2009 ist ein Jahr des Schreckens für die Welt. Für sehr lange Zeit schien es, als ob finanzieller Wohlstand bis in das Unendliche wachsen könne. Wir nahmen an, dass Produktivitätssteigerung, Globalisation, ein börsenregulierten Markt, sowie freier Handel ausreiche um uns monetären Segen zu erteilen. Seit dem Zusammenbruch der Weltfinanzmärkte sind viele dieser Vorstellungen geplatzt und es hat den Anschein, als ob uns unser Karma, die unumgänglichen Effekte unserer bereits vollbrachten Handlungen, einhole.

So langsam dämmert es uns, dass dieser Schreck wahrscheinlich nur der Auftakt für einen sehr viel weiter reichenden Schock ist. Gerade sind wir von der Welle des Finanzmarktzusammenbruchs getroffen worden, doch hinter uns baut sich schon eine viel größere Welle auf. Wir fangen an zu realisieren, dass die menschliche Zivilisation einen tiefgründigen, unvorhersehbaren und auch einen sichtlich unumgänglichen Einfluss auf die allgemeine Umwelt hat. Dieser ist so tiefgründig, dass man bis dato noch nicht sagen kann welche Bereiche der Erde er nicht beeinflusst. Unvorhersehbar ist ihr Einfluss, weil wir nicht wissen was für Auswirkungen es haben wird, welche Reaktionen darauf folgen werden und wohin diese führen. Und doch ist es unumgänglich – es ist klar, dass eine Kettenreaktion von Geschehnissen ausgelöst wurde, die wir nicht in der Lage sind zu beenden.

Unser Lebensstil im 21. Jahrhunderts stellt hohe Ansprüche an die Umwelt. Wir verbrauchen mehr und mehr Energie, wie zum Beispiel fossilen Brennstoff, Nutzholz und Wasser ohne uns darüber im Klaren zu sein welche Effekte solches Handeln haben wird. Wir denken, dass wir alle möglichen Apparate, Spielzeug und Maschinen brauchen ohne innezuhalten und darüber nachzudenken, ob wir sie uns wirklich nützlich und wichtig sind. Manchmal scheint es als ob es kein natürliches Ende zu dem Maß menschlichen Verlangens gibt. Es gibt aber ein Ende zu dem Maß in dem Mutter Erde uns versorgen kann. Wir können es uns nicht leisten unser Verlangen bis ins unermessliche zu schüren.

– 17. Karmapa

Für mehr als ein Jahrhundert ließen uns die Vorzüge moderner Technologien, sozialer Entwicklung und materiellem Fortschritt als Herrscher der Welt fühlen. Wir haben die Folgen unserer Handlungen nicht vollständig kontempliert und jetzt holen uns die Konsequenzen ein. Wir werden alle leiden. Wir wünschen uns, dass alle Lebewesen frei von Leiden sind. Und gleichzeitig wissen wir, dass der Pfad des Erwachens immer mit Leiden beginnt.

Gegenseitige Abhängigkeit – Interdependenz

Es ist Winter und ich würde gerne einen Apfel kaufen. In Deutschland wachsen im Winter keine Äpfel. Sie wachsen aber in Chile in unserem Winter. Solche Äpfel, die in den Bäuchen von Flugzeugen aus Chile eingeflogen werden, kann man in meinem Supermarkt nebenan kaufen. Aber als ich gerade dabei bin einen Apfel zu kaufen, muss ich an das ganze Kohlendioxid denken, dass beim Fliegen ausgestoßen wird. Ich zögere. Es werden auch deutsche Äpfel angeboten. Sie werden monatelang in großen Hallen und einer Formaldehyd-Atmosphäre gelagert und gekühlt. Ich habe mal gehört, dass durch den Einflug der Äpfel aus Chile weniger Kohlendioxid ausgestoßen wird, als wenn man sie hier anbaut und lagert. Jemand anderes erinnerte mich daran, dass Obst einer der größten Fortschrittsantreiber für Länder wie Chile ist und dass genau wegen der Früchte der Lebens-, Bildungs- und Lebenserwartungsstandard gestiegen ist. Ich weiß aber auch, dass die Landwirtschaft in Deutschland sehr hartes Brot ist und viele Bauern in Armut leben. Ich weiß nicht wofür ich mich entscheiden soll. Eigentlich wollte ich nur einen Apfel kaufen und jetzt bin ich durch einen seidenen Faden mit Kindern in Chile und Bauern aus der Nähe des Bodensees verbunden.

Das moderne Leben, mit all seinem Reichtum an Information und Globalisation, hat uns gezeigt, dass unser Leben von gegenseitiger Abhängigkeit geführt wird. Beim Einkaufen in Köln trete ich mit vielen Teilen der Erde in Kontakt. Ich treffe Entscheidungen, die Menschen beeinflussen, die ich nie kennen lernen werde und deren Sprache ich nicht verstehe. Wenn wir uns dem öffnen, können uns die Lehren der Interdependenz berühren. Was der Buddha sitzend unter dem Bodhi-Baum realisiert hat, können wir bei Aldi oder Lidl realisieren. Alle Dinge sind miteinander verbunden. Mein Apfel hat keine unabhängige Existenz. Ohne Chile existiert mein Apfel nicht. Es hat keine unabhängige Existenz unabhängig von den Kindern in Chile.

Wenn dieses ist, ist jenes.
Das Entstehen von diesem, führt zu dem Enstehen von jenem.
Wenn dies nicht ist, ist jenes nicht.
Das Ende von diesem führt zu dem Ende von jenem.

– Samyutta Nikaya 12.61

Der angesehene Mönch, Thich Nat Hanh, benützt die Redewendung „gegenseitiges Sein“ um die buddhistischen Prinzipien der Vergänglichkeit und den Charakter des Nicht-Selbst darstellen, welche die gegenseitige Abhängigkeit aller Dinge enthüllen.

Unsere Umwelt spielt nicht nur für diese Generation eine große Rolle, sondern auch für die folgenden. Wenn wir die Umwelt auf extreme Weise ausbeuten, selbst wenn wir daraus Geld oder einen anderen Nutzen ziehen können, werden es im Endeffekt wir selbst sein die leiden. Die folgenden Generationen werden auch leiden. Wenn sich die Umwelt verändert, verändern sich auch die Klimabedingungen. Verändern sie sich drastisch, verändern sich auch Wirtschaft und andere Bereiche. Die Veränderungen können auch großen Einfluss auf unser körperliches Wohlbefinden haben. Also stellt sich nicht nur eine moralische Frage, sondern auch die Frage nach unserem eigenen Überleben.

– Der Dalai Lama

Achtsamkeit und Tugend

Wenn wir uns von dieser Wahrheit tief berühren lassen, leben wir wie jemand in einem verworren Dornen- oder Spinnennetz. Wir müssen lernen achtsam zu leben. Es ist uns nicht möglich die Konsequenzen all unserer Handlungen zu begreifen. Alleine wenn wir an unseren Konsum, unsere Reisen , unseren Energieverbrauch oder unsere Geldanlagendenken können wir eine endlose Kette von Interdependenz entdecken.

Wir dürfen uns auch nicht in Zögern verfangen, denn sonst hören wir auf zu leben. Über jede Konsequenz unseres Handelns nachzudenken, würde uns so paranoid machen, dass wir jegliche Handlung einstellen, und somit aufhören würden zu leben. Wir können nur leben, wenn wir unseren Lebensweg mit Achtsamkeit beschreiten. Es ist die Grundlage der buddhistischen Praxis zum gegenwärtigen Moment zurückzukommen. Achtsam im Hier und Jetzt zu sein und der Welt mit Achtsamkeit zu begegnen.

Wenn wir achtsam gegenüber unserem Handeln sind, können wir unsere unterscheidende Intelligenz wahrhaftig nutzen um Entscheidungen zu treffen. Wir können unsere Anhänglichkeit zu Gut und Böse, Mögen und Nicht-Mögen auflösen. So lernen wir einfach zu akzeptieren oder abzulehnen je nachdem was der Situation und unserer Umwelt helfen bzw. ihr schaden könnte. Es gibt einen kompletten ethischen Bereich den wir erforschen können. Frei von Moralität, aber mit einem pragmatischen, intelligenten und gesundem Blickwinkel für das was hilfreich und was nicht hilfreich ist. Es ist sehr praktisch und nicht zu religiös. Sich um seine Umwelt zu kümmern ist wie sich um sein Haus zu kümmern. Es gibt keine geheimen Zimmer mehr, in denen wir Müll verstecken können.

Der Zerstörung der Vergangenheit, welche aus Ignoranz resultierte, zu vergeben ist nicht schwer. Heute aber, haben wir Zugang zu mehr Information und so müssen wir uns ethisch genau anschauen was wir geerbt haben, wofür wir verantwortlich sind und was wir der folgenden Generation hinterlassen werden.

– Der Dalai Lama

Der Pfad des Bodhisattvas

Wenn wir achtsam leben und versuchen achtsame Entscheidungen zu treffen, werden wir direkt mit der Frage unserer Motivation konfrontiert. Wir fangen an Entscheidungen nicht nur für unser unmittelbares Vergnügen zu treffen, sondern vielleicht auch für unsere Zukunft. Die Zukunft unserer Kinder. Oder für andere Menschen. Oder für die Zukunft anderer Menschen. Oder für süße Lebewesen mit Fell. Oder für hässliche, angsteinflößende Lebewesen. Wenn wir den Pfad des achtsamen Entscheidens weiter gehen, weiten wir unsere Prioritäten von Selbst auf andere und auf unsere Umwelt aus. Schließlich können wir mit einfacher Offenheit Kontakt machen. Wir halten nicht an unserem Nutzen fest, sondern arbeiten daran unsere Anhänglichkeit aufzugeben. Dann können wir komplett und gründlich als Boddhisattvas agieren, nicht nur um unser eigenes Vergnügen besorgt, sondern mit dem universellen Überleben aller Lebewesen. Wir müssen und können die universelle Verantwortung annehmen.

Die Wiederentdeckung von heiliger Welt

Seit jeher haben Menschen die Natur oder Naturgötter verehrt. Vielleicht sind wir der Meinung, dass dies eine altertümliche Idee ist. Wenn wir uns aber der natürlichen Welt mit wirklicher Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die aus Offenheit und aufrichtiger, herzlicher Motivation entsprungen sind, annähern, fangen wir vielleicht an, die Heiligkeit der Welt wieder zu entdecken. Vielleicht treffen wir auf das intensive „Baum-sein“ eines Baums, sind plötzlich berührt von der Schönheit einer Waldlichtung im Nachmittagslicht oder sind beeindruckt von der Stärke und Lebhaftigkeit eines Hagelsturms im Herbst. Dies ist die Entdeckung von Magie in unserer Umwelt. Chögyam Trungpa Rinpoche schrieb:

„Wenn wir unsere Augen, unser Herz und unseren Geist öffnen, werden wir finden, dass diese Welt ein magischer Ort ist, dass sie voller Kraft und Weisheit ist, die uns stets zugänglich ist.“

Vor langer Zeit, nannte man diese Entdeckungen von klarer Wachheit und Naturkraft Elfen oder Feen oder Gottheiten. Es ist echt. Es ist so echt wie wir sind. Wenn wir merken, dass wir nicht auf unabhängige Weise existieren, können wir auch bemerken, dass diese kraftvollen Momente der Wachheit so echt sind wie wir. Sie existieren nicht unabhängig von wachem Bewusstsein, aber sie existieren. Wir können diese Energie rufen. Genauso wie Meditierende Gottheiten rufen um ihre eigene spirituelle Energie zu erwecken, können wir auch diese natürlichen Gottheiten rufen und so die Grundlage für das Wohlsein der Umwelt wiedererwecken.

In der Shambhala Tradition wird gesagt, dass man, um die Umwelt zu beschützen, um ihre Magie wieder zu erwecken, sie zu erleben und zu stärken, sie nicht nur wertschätzen muss, sondern sich auch mit der Magie der Welt, mit dieser intensiven Wachen Energie oder diesen Gottheiten beschäftigen muss. Genauso wie wir uns auch mit anderen Gottheiten in Vajrayana beschäftigen. Mit den Gottheiten zu arbeiten ist tatsächlich eine Weise, unsere verwirrte Beziehung zu dem Netz von gegenseitiger Abhängigkeit, was wir die Umwelt nennen, zu klären.

Als Dawa Sangpo, der das Kalachakra Tantra vom Buddha empfing, den Buddha zum ersten Mal sah, sagte er zu ihm: „Ich bin ein König. Ich habe ein Königreich. Ich habe Verantwortungen die ich nicht aufgeben kann. Ich kann meine Sinne nicht aufgeben und wie einer deiner Mönche sein.“ In seinem unendlichen Mitgefühl und seiner Weisheit lehrte der Buddha ihn das Kalachakra Tantra. Er zeigte ihm wie er seine Sinne klar nutzen, wie er die Welt als heilig ansehen und eine erleuchtete Umgebung für alle Menschen seines Königreichs schaffen könne. Für uns sind diese Lehren von essentieller Bedeutung wenn wir darüber nachdenken wie wir die Umwelt und auch unser gesamtes, globales, miteinander verbundenes Netz beschützen können, und zu Erwachung führen können

Es gibt ein Gebet, welches von Leuten, die erstreben ein Bodhisattva zu werden, rezitiert wird:

So wie die Erde und alle Elemente für das Wohl von unzählbaren Lebewesen sorgen,
soll ich auch zum Wohl aller Lebewesen werden.
Bis zur Grenze des Raums, bis alle Nirvana erreicht haben.

Manchmal könnte so ein Wunsch unrealistisch sein oder zu konzeptionell erscheinen. Die Umwelt, aber, ist unsere Lehrerin und wir lernen, dass wir diese Verantwortung uns um die ganze Welt zu kümmern, nicht vermeiden können. Denn wenn wir nicht unermüdlich daran arbeiten die ganze Welt zu beschützen, könnten wir selbst keine Zukunft haben. Die Umwelt ist eine wahrhaftig tiefgründige Lehrerin.

Photograph: Spigolo

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